Altarretabel

Das Altar­re­ta­bel zählt neben Kanzel und Taufe zu den drei soge­nann­ten Prin­zi­pal­stü­cken der Kir­chen­aus­stat­tung. Der Begriff Retabel bezeich­net die künst­lich gestal­tete Rück­wand eines christ­li­chen Altar­ti­sches und wird im deut­schen Sprach­ge­brauch oft synonym mit dem Ter­mi­nus “Altar” oder “Altar­auf­satz” ver­wen­det. Die ältes­ten erhal­te­nen Bilder auf Altären stammen aus dem 10. Jahr­hun­dert.
Im Laufe der Epochen ent­wi­ckel­ten sich neue Gestal­tungs­mus­ter und Schmuck­ele­mente für den Altar­auf­bau. So wurden bei­spiels­weise in der Romanik Bilder durch Reliefs ergänzt, während sie in der Gotik in einem gemein­sa­men Rahmen gefasst wurden. Seit dem 15. Jahr­hun­dert findet sich auf vielen Reta­beln ein schmü­cken­der archi­tek­to­ni­scher Aufsatz, Gesprenge genannt. Vom 15. bis zum 18. Jahr­hun­dert wurde die Gestal­tung der Retabel als ein Haupt­schmuck des Kir­chen­rau­mes zuneh­mend prunk­vol­ler. Im Klas­si­zis­mus kehrte man zu den stren­ge­ren Formen zurück.

Gesamtaufbau

Die seit etwa 1300 ent­stan­dene und seit dem 15. Jahr­hun­dert nörd­lich der Alpen vor­herr­schende Form des Altar­re­ta­bels ist der geschnitzte wan­del­bare Flü­gel­al­tar, häufig auch als Schnitz­re­ta­bel bezeich­net. Er wurde mit der Refor­ma­tion und dem Einzug von Renais­sance ab dem dritten Jahr­zehnt des 16. Jahr­hun­derts sel­te­ner. Als Gesamt­kunst­werk kom­bi­niert dieser Reta­bel­typ häufig Gemälde mit farbig gefass­ten und reich­lich ver­gol­de­ten figür­li­chen Dar­stel­lun­gen und Ornamenten.

Predella

1 Predella mit Hei­li­gen­büs­ten unter Schlei­er­werk | 2 Predella mit sze­ni­schen Dar­stel­lun­gen und seit­li­chen Anschwün­gen  |  3  Predel­len­kas­ten mit klapp­ba­ren Sei­ten­flü­geln und geschweif­ten Zwi­ckel­kon­so­len | 4 Predella mit zwei Schie­be­flü­geln  | 5 Predellenschrein/Sockelschrein mit klapp­ba­ren Sei­ten­flü­geln | 6 Predella mit Madon­nen­fi­gur und einem Schie­be­flü­gel | 7 Predella mit Abendmahlsrelief

Die Predella ist ein Sockel, auf dem der Haupt­kör­per des Altars, das Retabel, steht. Im Kon­trast zur häufig qua­dra­ti­schen Mensa hat die Predella oftmals abge­run­dete Ver­bin­dungs­stü­cke, die zwi­schen der Breite der Mensa und des Schreins ver­mit­teln. Um die Wirkung einer sta­bi­len Basis zu erzie­len, ordnet sich die Höhe der Predella jener der Mensa unter. Sie beträgt durch­schnitt­lich ein Drittel der Schrein­höhe. Aus­ge­schmückt sind sie meist mit gemal­ten oder skulp­tier­ten Hei­li­gen­bil­dern oder Szenen aus dem Leben Jesu.

Schrein und Flügel 

Das Herz­stück eines Altar­re­ta­bels bilden der Schrein und dessen Flügel. Sehr oft nimmt der Schrein spät­go­ti­scher Retabel eine Mari­en­dar­stel­lung auf; häufig werden im mit­tel­eu­ro­päi­schen Raum auch Dar­stel­lun­gen der Hei­li­gen Anna oder Johan­nes des Täufers gezeigt. In Ergän­zung sind die oftmals hori­zon­tal geteil­ten Flügel meist mit Hei­li­gen­fi­gu­ren oder Szenen aus der Pas­si­ons­ge­schichte aus­ge­stat­tet. Über den Figuren befin­den sich par­ti­ell Bal­da­chin­zo­nen. Die Reliefs werden mit­un­ter über Maß­werkso­ckeln ange­ord­net und sehr häufig von Schlei­er­bret­tern bzw. Schlei­er­werk oder Maßwerk nach oben abge­schlos­sen. Ein­zel­fi­gu­ren stehen meist auf Gras­nar­ben­so­ckeln oder poly­go­nal gebro­che­nen Podesten.

Flügelklappungen

1 All­tags­seite / Werk­tags­seite I 2 Fest­tags­sei­ten / Sonn­tags­seite I 3 Zweite Festtagsseite

Die ver­schie­de­nen Flü­gel­klap­pun­gen, auch als „Wand­lun­gen“  bezeich­net, erzeu­gen ein varia­bles Bild­pro­gramm, indem sie Hei­li­gen­bil­der und Reli­quien ver- und ent­hül­len. An ein­fa­chen Werk­ta­gen blieb der Altar geschlos­sen. An hohen Fest­ta­gen ent­fal­tete der geöff­nete Schrein seine ganze Pracht

Wandelaltartypen

1 nicht wan­del­bar (ohne Flügel) | 2 Dipty­chon | 3 Tri­pty­chon

Bei einem Flü­gel­paar spricht man von einem Dipty­chon, kommt ein wei­te­res Flü­gel­paar hinzu, handelt es sich um ein Tri­pty­chon. Durch die Ergän­zung wei­te­rer Flü­gel­paare wird der Schrein zu einem Polyptychon. 

Schreintypen

Die Schrein­ty­pen spät­go­ti­scher Retabel werden begriff­lich nach der Anzahl der ein­ge­stell­ten Figuren unter­schie­den. Bei dem Vie­rer­al­tar­schrein flan­kie­ren über­ein­an­der­ge­stellte kleine Figuren eine maß­stäb­lich größere figür­li­che Dar­stel­lung im Zentrum.

Gesprenge

1 drei­ge­schos­si­ges Ast­werk­ge­sprenge mit Madonna zwi­schen zwei hl. Köni­gin­nen, darüber Schmer­zens­mann und Auf­er­stan­de­ner | 2 drei­ge­schos­si­ges Ast­werk­ge­sprenge mit Kreu­zi­gungs­gruppe und Hei­li­gen­fi­gu­ren | 3 Gesprenge mit auf­ra­gen­den Fialen, Maß- und Ast­schlei­er­werk, davor Kreu­zi­gungs­gruppe, seit­lich klei­nere Assistenzfiguren

Als Gesprenge wird ein schmü­cken­der Aufsatz über dem Retabel bezeich­net. Häufig bestehen spät­go­ti­sche Gesprenge aus Fialen, Maßwerk oder Astwerk in Ver­bin­dung mit Figuren Christi, der Madonna und ver­schie­de­ner Hei­li­ger. Diese Figuren können sich the­ma­tisch auf die Haupt­dar­stel­lun­gen des Altars im Schrein­be­reich bezie­hen. Die ver­schie­de­nen Gespren­ge­ar­ten können begriff­lich als Maßwerk‑, Astwerk- und Knor­pel­werk­ge­sprenge kate­go­ri­siert werden. Das Maß­werk­ge­sprenge besteht typi­scher­weise aus sich wie­der­ho­len­den Formen, unter­bro­chen von senk­recht auf­ra­gen­den, mit Krabben gespick­ten Fialen. Das Astwerk hat orga­ni­sche, gewun­dene Formen und ist eben­falls mit Krabben besetzt. Die relativ sel­te­nen, nach 1600 ent­stan­de­nen Knor­pel­werk­ge­sprenge prägen knor­pe­lige, teigige, schwel­lende Formen. Das Gesprenge kann ebenso ledig­lich aus auf­ge­setz­ten Ein­zel­fi­gu­ren bestehen oder gänz­lich fehlen.

Säulenretabel

1 Ädikula-Altar mit zen­tra­lem Tri­umph­bo­gen, Sei­ten­ar­ka­den, Auf­satz­ge­schoss und Bekrö­nung (Atti­ka­zone, Auszug) (um 1600)  | 2 Ädikula-Altar mit über­ste­hen­den Sei­ten­flü­geln (um 1650) | 3 zwei­ach­si­ger, dop­pel­ge­schos­si­ger Barock­al­tar mit Mehrfach-Säulenstellung und gespreng­ten Giebeln

Aus­ge­hend von Italien ver­brei­tete sich seit dem 16. Jahr­hun­dert ein neuer Reta­bel­ty­pus, dessen Grund­form das soge­nannte Ädikula-Schema bildet, eine von Säulen flan­kierte Nische mit Gesims und Aufsatz. Dieses Grund­schema wurde häufig durch Sei­te­n­ach­sen und ein zweites Geschoss erwei­tert. Die Predella des spät­go­ti­schen Flü­gel­al­tars blieb dabei als Sockel­ge­schoss erhal­ten. Der Typus des Säu­len­re­ta­bels bezie­hungs­weise Ädikula-Altars war bis ins 19. Jahr­hun­dert der vor­herr­schende Retabeltypus.

Bildnachweis:

TAFEL 1 (“Gesamt­auf­bau”) Grafik: Sta­nis­laus Just — TAFEL 2 („Mensa”) oben: Kat­len­burg, St. Johan­nes, 1654/55; Mitte: ?; unten: ehem. Torgau, Schloss­ka­pelle (Kriegs­ver­lust) — TAFEL 3 („Predella”), Abb. 1: Sachsen-Anhalt, Halle-Saalkreis (Ev. Kir­chen­kreis), um 1520; Abb. 2: Bautzen, Stadt­mu­seum, Altar aus Kitt­litz (Löbau), A. 16. Jh.; Abb. 3: Eis­le­ben, St. Annen, 1510/15; Abb. 4: Bit­ter­feld, St. Anto­nius, A. 16. Jh.; Abb. 5: Eisen­ach, Pre­di­ger­kir­che (Thü­rin­ger Museum), 1510/20; Abb. 6: Mühl­beck, um 1520; Abb. 7: Goslar, Markt­kir­che St. Cosmas und Damian, 1659 — TAFEL 4 („Schrein und Flügel”), oben: Bad Gan­ders­heim, Stifts­kir­che St. Ana­sta­sius und Inno­cen­tius, 1521; unten links:  Bad Gan­ders­heim, Stifts­kir­che St. Ana­sta­sius und Inno­cen­tius, 1521; unten rechts: Bad Gan­ders­heim, Clus, ehem. Klos­ter­kir­che St. Maria und St. Georg, 1487 — TAFEL 5 (“.….”) Grafik: Sta­nis­laus Just; rechts:  Halle (Saale), ehem. Neu­markt­kir­che St. Lau­ren­tius (zer­stört), 3. Drittel 15. Jh. — TAFEL 6 (“Flü­gel­klap­pun­gen”), oben links: Sachsen-Anhalt, Ev. Kir­chen­kreis Eisleben-Sömmerda, um 1520, oben rechts: Sachsen-Anhalt, Ev. Kir­chen­kreis Hal­ber­stadt, 1485, unten: Quer­furt, Burg­mu­seum, Flü­gel­al­tar aus der Dorf­kir­che in Rothen­schirm­bach, um 1485–90  — TAFEL 7 („Schrein­ty­pen”), Ein­fi­gu­ren­schrein: Kretz­schau, Dorf­kir­che, A. 16. Jh.; Zwei­fi­gu­ren­schrein: Frei­berg, Stadt- und Berg­bau­mu­seum, um 1500; Drei­fi­gu­ren­schrein:  Eisen­ach, Pre­di­ger­kir­che, Thü­rin­ger Museum, 1507/10; Vier­fi­gu­ren­schrein: Halle (Saale), Kunst­mu­seum Moritz­burg, um 1510; Vie­rer­al­tar links: Sachsen-Anhalt, Ev. Kir­chen­kreis Eisleben-Sömmerda, E. 15. Jh.; Vie­rer­al­tar rechts: West­dorf, Dorf­kir­che, um 1500; Mehr­fi­gu­ren­schrein / Sze­nen­al­tar links: Hett­s­tedt, St. Gangolf, 1510/20; Mehr­fi­gu­ren­schrein / Sze­nen­al­tar rechts: Eisen­ach, Pre­di­ger­kir­che, Thü­rin­ger Museum, 1519 — TAFEL 8 („Gesprenge“), Grafik: Sta­nis­laus Just; Abb. 1: Mag­de­burg, Walloner-Kirche, 1488; Abb. 2 Halle (Saale), St. Mau­ri­tius u. Paulus (Moritz­kir­che), um 1500; Abb. 3 Hol­leben, Dorf­kir­che, um 1530 — TAFEL 9 („Säu­len­re­ta­bel“): Abb. 1: Dresden-Loschwitz, Kirche, 1606; Abb. 2: Goslar, Markt­kir­che St. Cosmas und Damian, 1659; Abb. 3: Qued­lin­burg, St. Nikolai-Kirche, 1712.

Autoren:

Alex­an­dra Böttger, Da My Dao, Paul Koch, Sta­nis­laus Just, Tuan Anh Le, Redak­tion: Sebas­tian Schulze (2021)