Skulptur in MitteldeutschlandSpätgotik bis Frühbarock
Während der Hochblüte spätgotischer Bildschnitzerei seit dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden auch in mitteldeutschen Werkstätten allerorten farbig gefasste, zumeist aus Lindenholz geschnitzte Flügelaltäre für die Kirchen der Region. Triebfeder war der Reichtum der mächtigen kirchlichen Institutionen und ein reges, auf Sündennachlass gerichtetes Stiftungswesen. Neben den häufig nur unvollständig erhaltenen Altarretabeln zeugt eine große Zahl von Altarfragmenten in Kirchen und Sammlungen von der Menge des einst Vorhandenen. Auftragnehmer der Schnitzaltäre waren Meister, die in den Quellen zumeist als Maler bezeichnet werden, manchmal aber nachweislich die Figuren schnitzen. In jedem Fall war die Erstellung der umfangreichen, farbig gefassten Schnitzretabel, die häufig auch Gemälde umfassten, die Gemeinschaftsarbeit verschiedener Gewerke, von Meistern und wandernden Gesellen in wechselnden Konstellationen. Die auch deshalb besonders komplexe Zuordnung spätgotischer Retabel zu Zentren und Werkstätten ist in der Forschung zu den mitteldeutschen Werken dieser Epoche deshalb häufig kontrovers. Wichtige bildhauerische Aufgaben für die Ausstattung der Kirchen waren neben der Lieferung von Schnitzaltären die Fertigung von Triumphkreuzen, Kreuzigungsgruppen, Andachtsbildern (in Sachsen besonders häufig als sitzender Schmerzensmann), Pfeilerfiguren, Ölbergdarstellungen und Darstellungen des heiligen Grabes. Grabplatten aus Stein und Bronze entstanden für die großen Dom- und Stadtkirchen sowie für fürstliche Grablegen in kontinuierlicher Folge.
Der Forschungsstand zu den Meistern und Zentren der Bildhauerei dieser Epoche in Mitteldeutschland ist ungleichmäßig. In Thüringen und Sachsen konnten eine Reihe regional bedeutender Zentren der Bildschnitzerei benannt werden. In Freiberg und Leipzig waren die Maler und Bildschnitzer so zahlreich, dass sie sich in eigenen Zünften organisierten.
Der Aufschwung der sächsischen Holzskulptur ab den 1480er Jahren und die Entwicklung künstlerisch eigenständiger Schulen stand dabei im ursächlichen Zusammenhang mit dem 1470 einsetzenden Boom des Silberbergbaus im Erzgebirge, in dessen Folge in zum Teil neu gegründeten Städten in kurzer Folge große und reich auszustattende Hallenkirchen erbaut beziehungsweise weitgehend umgestaltet wurden (Freiberg, Annaberg, Pirna, Zwickau, Schneeberg). Das führende Fürstengeschlecht der Großregion, die wettinischen Kurfürsten und Herzöge von Sachsen, stiegen nicht zuletzt aufgrund der Gewinne aus dem Bergbau in diesen Jahrzehnten zu höchster reichspolitischer Bedeutung auf. Die von ihnen geförderten Residenzen und Städte entwickelten sich zu wichtigen wirtschaftlichen und kulturellen Zentren im Reich. Nach 1500 erreichte auch in den mitteldeutschen Regionen die Zahl, häufig auch die Qualität, der neu gestifteten Altarretabel einen absoluten Höhepunkt, bevor kurz nach Einsetzen der Reformation schon in den 1520er Jahren infolge der nun weit verbreiteten Zweifel am Stiftungswesen und der Vorbehalte gegen die Anbetung von Bildern die Retabel-Produktion nahezu zum Erliegen kam.
Erzgebirge: Freiberg, Chemnitz, Annaberg u.a.
Mit dem Aufschwung des Silberbergbaus im Erzgebirge ging eine starke Einwanderung in die Region einher. Besonders eng waren dabei die wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen nach Franken. 1479 wurde der monumentale ►Hauptaltar des Doms St. Marien in Zwickau aus der Werkstatt des Nürnberger Malers Michael Wohlgemuth aufgestellt. Die künstlerisch hochrangigen Schnitzplastiken gelten als Arbeiten der Werkstatt des Nürnberger Bildschnitzers Veit Stoß (†1533). Bei dem Nürnberger Bildschnitzer Michael Heuffner bestellt wurde das 1507 gestiftete ►Heilige Grab auf der Westempore des Zwickauer Doms, eine eindrucksvolle, mit Ornament und Plastik reich geschmückte, gotische Kleinarchitektur zum Gehäuse für den geschnitzten Leichnam Christi. Bald nach Aufstellung des Marienaltars im Dom 1479 vermochten jedoch auch einheimische Werkstätten auf hohem Niveau einen großen Teil des gestiegenen Bedarfs zu decken. Um 1480/90 entstand das ►Heilige Grab der Jakobikirche in Chemnitz, heute im dortigen Schlossbergmuseum, zu dessen Schnitzfiguren sich stilistisch Vergleichbares in der Altarplastik der Chemnitzer Gegend findet. In den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts gründete in Zwickau der vermutlich einheimische Peter Breuer (†1541) die damals wohl produktivste Bildschnitzerwerkstatt der Region. Nach seiner Wanderschaft über Würzburg und Ulm, wo er Einflüsse von Tilman Riemenschneider und Michel Erhart aufnahm, erwarb er 1504 das Bürgerrecht der Stadt. Seine Werkstatt schuf zahlreiche Schnitzretabel für die Orte des Zwickauer Umlands. Ein Meisterwerk Breuers ist das ►Zwickauer Vesperbild (1502) im Dom. Der letzte Altar der Breuer-Werkstatt entstand 1521 für die Kirche in ►Kirchberg und befindet sich heute im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg. Infolge der Reformation blieb der Bildschnitzer ohne größere Aufträge und starb ohne Besitz. Eine weitere produktive Zwickauer Bildschnitzerwerkstatt leitete in diesen Jahren Leonhard Herrgott († um 1540), aus welcher unter anderem die ►Schnitzfigur der Muttergottes am nördlichen Emporenpfeiler des Zwickauer Doms stammt.
Freiberg war Ende des 15. Jahrhunderts die größte Stadt Sachsens. Früh bildete sich hier eine charakteristische Lokalschule heraus. Um 1500 entstand ein einheimischer Kunstbronzeguss, während zuvor entsprechende Bronzegrabplatten aus Nürnberg bezogen worden waren. Den Meister der Domapostel, benannt nach seinem Hauptwerk, den ►13 lebensgroßen Schnitzfiguren des Apostelzyklus im Freiberger Dom (um 1500/05), bezeichnete W. Hentschel (1926) als den bedeutendsten Bildhauer der Freiberger Schule um 1500 und schrieb ihm unter anderem auch die Figuren des qualitätvollen ►Hauptaltars in der Kunigundenkirche in Rochlitz (1513) und des bedeutenden ►Flügelaltars in der Kirche von Oberbobritzsch bei Freiberg (1521) zu. Für einen Schüler des Meisters der Domapostel hielt er den Meister des Flöhaer Altars, dem neben dem ►Altarretabel in der Kirche von Flöha (um 1510) unter anderem Schnitzaltäre in ►Chemnitz-Ebersdorf (dat. 1513) und im ►Schlossbergmuseum in Chemnitz (um 1520, ehemals Erdmannsdorf) zugeordnet wurden. Wohl aus der Freiberger Bildschnitzerschule stammt auch der Meister des Hochaltares in der ►Nicolaikirche in Döbeln (1515/16), einem der stattlichsten spätgotischen Schnitzretabel in Sachsen, welches mit dem filigranen, figurenbesetzten Gesprenge eine Gesamthöhe von 11 m erreicht.
Zu den originellsten Werken spätgotischer Plastik zählt die sogenannte ►Tulpenkanzel des Freiberger Doms (um 1500/05). Sie ist ein herausragendes Beispiel für den vor allen zwischen etwa 1490 und 1510 verbreiteten Astwerkstil, der skulpturale Ensembles aus naturnahen Ranken- und Astformen komponierte. Die steinerne Kanzel gilt als Werk des Meisters HW, den die ältere Forschung hypothetisch mit einem archivalisch nachweisbaren Hans Witten identifizierte. Durch den Phantasiereichtum und die Ausdruckskraft seiner Werke zählt er zu den bedeutendsten deutschen Künstlern seiner Epoche. Anhand seiner Werke wurde der Weg des Meisters nach Obersachsen über Braunschweig, Goslar und Halle rekonstruiert. In Goslar wird dem Meister die lebensgroße, farbig gefasste Schnitzfigur einer ►Pietà in der Jakobikirche (um 1500) zugeschrieben. Zu seinen steinernen Hauptwerken gehören neben der Freiberger Kanzel die ►vier Figuren des Portals der Schlosskirche in Chemnitz (1525) und die geschnitzte ►Geißelsäule in der derselben Kirche. Ausgehend von dem signierten ►Hochaltarretabel in der Stadtkirche von Borna (1511) wurde ihm unter anderem der ►Schnitzaltar der Nikolaikirche in Ehrenfriedersdorf (1507–1512) zugeschrieben, ebenso das ►Grabdenkmal des Ritters Dietrich von Harras (†1499) in der Kirche von Chemnitz-Ebersdorf mit der fast vollplastischen Figur des Verstorbenen. Weitere steinerne Rittergrabmäler der Spätgotik finden sich in Sachsen unter anderem in den Kirchen von Mügeln (►für Melchior von Saalhausen, †1504) und Strehla an der Elbe (►für Hans von Beschwitz, †1496). Für die neu gegründete Bergbaustadt Annaberg schuf die Werkstatt des Meisters HW die sogenannte ►Schöne Tür in der Stadtkirche St. Annen (1512). Der Bau der Stadtkirche St. Annen bot Steinmetzen und Bildhauern ein umfangreiches Betätigungsfeld und birgt gleichermaßen Hauptwerke der Spätgotik und der Frührenaissance. Dabei fertigten Bildhauer gegen den Widerstand der Steinmetze auch Teile der Bauplastik und lösten damit 1518 den sogenannten Annaberger Hüttenstreit zwischen dem zuständigen Baumeister Jakob von Schweinfurth und der Magdeburger Bauhütte aus. Der durch Herzog Georg von Sachsen gegen die Bauhütte entschiedene Streit gilt als ein Schlüsselereignis der neuzeitlichen Berufsorganisation im Bauwesen. Unter Leitung des Bildhauers Franz von Maidburg entstand 1519–22 der hundert steinernen Reliefs umfassende ►Zyklus für die Emporenfelder der Annenkirche. 1521 wurde in der Kirche der neuen Silberbergbaustadt der ►Berg- oder Knappschafts-Altar aufgestellt, dessen Gemälde den Bergbau der Zeit schildern. Die geschnitzte Geburt Christi im Zentrum des geöffneten Altars ist hier bereits in einem renaissancehaften Innenraum dargestellt.
Von der Freiberger Plastik abhängig waren nach dem Urteil W. Hentschels (1926) die kleineren sächsischen Zentren spätgotischer Bildschnitzerei Pirna, Großenhain und das Zisterzienserkloster Altzella bei Nossen. Der Maler Pancratius Gruber, dessen Werkstatt mehrere Altarretabel in der Gegend von Großenhain zugeschrieben wurden, lieferte 1520 nachweislich einen ►Altarschrein mit Madonna und hl. Georg für die Michaelskirche in Zeitz im südlichen Sachsen-Anhalt (einzelne Figuren erhalten im Besitz der Staatlichen Kunstsammlung Dresden). In der Oberlausitz war der politisch und wirtschaftlich bedingte Einfluss der böhmischen beziehungsweise schlesischen Kunst stark. Kamenz besitzt hier einen besonders reichen Bestand spätgotischer Schnitzaltäre in den Kirchen St. Marien, St. Just sowie der Klosterkirche und Sakralmuseum St. Annen.
Torgau, Wittenberg, Leipzig, Merseburg
Torgau, Wittenberg, Leipzig, Merseburg
Höfisch geprägte künstlerische Zentren waren die an der Elbe gelegenen wettinischen Residenzen Torgau und Wittenberg, wo um 1500 etliche Steinmetze und Bildschnitzer im Dienst des Hofes namentlich nachweisbar sind. Zu den aktenkundigen, aber nicht erhaltenen Bildhauerarbeiten zählen beispielsweise zwei große Engel für das Dach des Schlosses (1514). Der Wittenberger Steinmetz Claus Heffener schuf zwischen 1492 und 1510 etliche Arbeiten für Kurfürst Friedrich „den Weisen“. Erhalten hat sich von diesem Meister am Schloss von ►Merseburg ein Relief des schlafenden Jakob von 1503. Beschäftigt wurden von dem Kurfürsten auch berühmte auswärtige Bildhauer, unter ihnen Tilman Riemenschneider aus Würzburg, der 1505/06 ein großes Kruzifix lieferte (1760 verbrannt) und der aus Worms stammende Bildschnitzer Conrad Meit († um 1550/51), welcher 1514 für die Wittenberger Schlosskapelle eine nicht erhaltene Doppelmadonna, umgeben von vierzig leuchterhaltenden oder musizierenden Engeln schuf. In Mitteldeutschland besitzt das Museum Schloss Friedenstein in Gotha mit der kleinplastischen ►Gruppe von Adam und Eva aus Buchsbaumholz (wohl um 1515) eine diesem Meister zugeschriebene Arbeit. In der Wittenberger Schlosskirchen erhalten haben sich ►zwei qualitätvolle, lebensgroße, aus teilgefasstem Marmor gefertigte Porträtfiguren des Kurfürsten Johann Friedrich des Weisen und Herzog Johann des Beständigen in ewiger Anbetung (1519/20).
Im nordwestlichen Sachsen erlebte, gefördert von den wettinischen Landesherren, die Universitäts- und Messestadt Leipzig im 15. Jahrhundert einen starken wirtschaftlichen Aufschwung, der am Ende des Jahrhunderts durch die Beteiligung von Leipziger Unternehmern am obersächsischen Silberbergbau und der mansfeldischen Kupfergewinnung weiteren Auftrieb erhielt. An dem bedeutenden Handelsplatz etablierte sich ein spezialisiertes Kunsthandwerk. In den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts entwickelte sich Leipzig vermutlich zum neben Freiberg wichtigsten Zentrum der Bildschnitzerei in Sachsen. Hier ansässige Meister lieferten ihre Schnitzaltäre bis in das Harzvorland und nach Mittelbrandenburg: Als Leipziger Arbeit gilt das qualitätvolle, 1518 datierte ►Schnitzretabel aus dem Kloster Lehnin, heute im Dom von Brandenburg an der Havel. 1517 bis 1519 entstand unter Leitung des Leipziger Meisters Hans Eyffländer der nicht erhaltene Hauptaltar der Dresdner Kreuzkirche. Steffan Hermsdorf, Bürger in Leipzig seit 1516, leitete hier eine Werkstatt, aus der unter anderem der bedeutende spätgotische ►Schnitzaltar in der Kirche von Podelwitz bei Leipzig (1520) und das qualitätvolle ►Retabel in der Doppelkapelle St. Crucis in Landsberg bei Halle (um 1525/30) stammen. Dem Meister zugeschrieben wurde auch die um 1520 datierte Predella des ►ehemaligen Altars der Leipziger Thomaskirche, heute in der Lutherkirche in Plauen. Die großartigen Reliefs in Hauptschrein und Flügeln dieses Retabels entstanden bereits um 1490/95, möglicherweise in einer Erfurter Werkstatt. Der wohl ebenfalls um 1520 im nahen Leipzig für die ►Marienkirche in Rötha entstandene ungefasste Schnitzaltar mit Marienkrönung lässt den Einfluss des niederbayrischen Bildschnitzers Hans Leinberger erkennen und vereinigt gotisches Ornament mit einem Rundgiebelaufsatz in Formen der Frührenaissance. Als Leipziger Arbeiten gelten auch die ►Retabel in der Stadtkirche von Grimma mit der Geburt Christi im Mittelschrein (um 1520), in der Kirche von ►Friedersdorf bei Bitterfeld oder das im 18. Jahrhundert in einen Kanzelaltar eingebaute ►Retabel in Halle-Beesen (1522).
In der Domkirche des südwestlich von Leipzig gelegenen Merseburg ist unter dem reichen Bestand gotischer Plastik die um 1517 durch Bischof Adolf von Anhalt gestiftete ►Kanzel besonders bemerkenswert, ein virtuoses Werk der Bildschnitzerkunst mit einem umfangreichen figürlichen Programm und reichem Ornament.
Thüringen: Saalfeld, Altenburg, Erfurt u. a
Im östlichen Thüringen etablierten sich seit dem späten 15. Jahrhundert sehr produktive Bildschnitzerwerkstätten, die ihre Schnitzretabel bis weit in die Gebiete des südlichen Sachsen-Anhalt und des östlichen Sachsen lieferten. Saalfeld tritt dabei als besonders wichtiges Zentrum dieser Kunst hervor. Hier bewahrt das Stadtmuseum im Franziskanerkloster eine bedeutende Sammlung von Werken regionaler Schnitzplastik des Spätmittelalters. G. Voß (1911) stellte sieben Schnitzretabel fest, die durch Inschriften beziehungsweise die Symbole des Stadtwappens als Saalfelder Arbeiten erkennbar waren und die Ausgangspunkte zahlreicher weiterer Zuschreibungen bildeten. Diese Altäre fanden sich in den Kirchen von ►Saalfeld-Gorndorf (1490), ►Münchenbernsdorf bei Gera (1505), ►Neusitz bei Rudolstadt (1515) und ►Unterwellenborn (1522) sowie ehemals in den Schlosskapellen von ►Schloss Landsberg bei Meiningen (1498) und ►Schloss Schwarzburg (1503). Dem anonymen Meister des Schwarzaer Altars wurden neben den Schnitzaltären in Saalfeld-Gorna und in ►Eyba (um 1490) das besonders qualitätvolle, zweifach wandelbare ►Retabel mit zentraler Kreuzigungsdarstellung in der Kirche von Neunhofen bei Neustadt/Orla (1487) zugeschrieben. Der vermutlich einheimische Bildschnitzer Valentin Lendenstreich (†1506) erwarb zwischen 1485 und 1491 das Saalfelder Bürgerrecht. Signierte Schnitzaltäre aus seiner produktiven Werkstatt besitzen die Kirchen von ►Elleben (1498), ►Wülfershausen (1499) und ►Münchenbernsdorf (1505). Hans Gottwalt von Lohr war vermutlich Schüler von Tilman Riemenschneider und 1503 als Gehilfe in der Werkstatt Lendenstreichs tätig, dessen Retabel in Münchenbernsdorf Einflüsse Riemenschneiders aufweist. 1506 gründete er eine eigene Werkstatt, der etliche Schnitzretabel und Einzelfiguren vor allem in Südostthüringen zugeschrieben werden, so Retabel in ►Oberwellenborn (um 1505/06), ►Reichenbach (Probstzella) (um 1508), ►Stößwitz (um 1508) oder ►Saalfeld-Graba (um 1518/19) und eine ►lebensgroße Figur Johannes des Täufers (um 1510/14) in der Stadtkirche St. Johannes in Saalfeld. Als Saalfelder gilt schließlich auch der anonyme Meister der Meckfelder Altars, dem ausgehend von dem heute in der ►Kunstsammlung Weimar befindlichen Schnitzaltar aus Meckfeld (1503) etliche weitere Retabel in einem bis nach Westthüringen reichenden Einzugsgebiet zugeschrieben wurden. Aus dem wenig nördlich von Saalfeld gelegenen Orlamünde stammte der Maler oder Bildschnitzer Georg Ihener, der laut urkundlicher Nachricht den großen 1511 datierten ►Schnitzaltar der Moritzkirche in Halle/Saale lieferte.
Ein weiteres wichtiges Zentrum der Bildschnitzerkunst in Thüringen war um 1500 die wettinische Nebenresidenz Altenburg. Altenburger Werkstätten wurden auf Grundlage gemeinsamer stilistischer Merkmale hypothetisch zahlreiche Schnitzretabel und Einzelfiguren in Ostthüringen und Westsachsen zugeschrieben. Eine besonders wichtige Werkstatt leiteten hier offenbar die Bildschnitzer Jakob (†1510) und Peter Naumann, für welche der nur noch unvollständig erhaltene Schnitzaltar in der Kirche von ►Bad Lausick-Ebersbach (1502) inschriftlich gesichert ist. Franz Geringswald (†1540) war seit 1504 in Altenberg tätig. Er signierte den ►Schnitzaltar in Narsdorf-Rathendorf (1510) und war vielleicht auch der Meister des Retabels in ►Maua bei Jena (zur Zeit augelagert) und der ►Altarretabel in ►Wetterzeube und in ►Droyßig in südlichen Sachsen-Anhalt. Nach dem Wegfall der Retabel-Aufträge infolge der Reformation fand er sein Auskommen in Zwickau als städtischer Baumeister und Vorsteher des Kirchenkastens. Einem anonymen Altenburger Bildschnitzer, dem Meister des Nenkersdorfer Altars, zugeordnet wurde der stattliche ►Schnitzaltar in der Kirche von Wyhra (1511). In Altenburg haben sich spätgotische Bildschnitzerarbeiten mit dem qualitätvollen ►Chorgestühl in der Schlosskirche (1516) und dem wohl um 1500 gefertigten ►Schnitzaltar der Bartholomäikirche erhalten.
Die Werkstatt des Bildschnitzers Matthias Plauener, der gemeinsam mit einem unbekannten Maler das qualitätvolle ►Altarretabel in der Kirche von Gera-Roschütz (ehemals in Gera-Tinz) geliefert haben soll, wird im nahe Altenburg gelegenen Zeitz vermutet. In Jena leitete um 1490 der Bildschnitzer Johann Linde eine größere Werkstatt, der sich unter anderem ►Altar (1492) und ►Kruzifixus in der Kirche von Buchfart bei Weimar verdanken. Vermutlich aus Jena stammte auch der Meister des Schweinitzer Altars, getauft nach dem 1495 datierten ►Retabel in der Kirche von Schweinitz bei Pößneck mit zentraler Strahlenkranzmadonna. Als Arbeiten des Steinmetz Peter (Heierliß?), der 1481 bis 1506 den Bau der Jenaer Stadtkirche St. Michael leitete, gelten das ►Relief mit Kreuzigung und Stiftern (1487) an der Westseite der Kirche sowie die ►Stationstafel mit Reliefs der Kreuztragung und der Kreuzigung auf dem Johannisfriedhof in Jena (1484).
1492 vollendet wurde der fragmentiert erhaltene ►Hauptaltar der Paulskirche in Erfurt, heute in der dortigen Predigerkirche. Er wurde von dem “Maler” Lienhart Koenbergk signiert, der vielleicht der beauftragte Bildschnitzer war. Das Retabel weist mit den Hauptaltären in der Marienkirche in Stendal in der Universitätskirche St. Pauli in Leipzig in Teilen starke stilistische Gemeinsamkeiten auf, zurückzuführen sehr wahrscheinlich auf wandernde Bildschnitzergesellen. Der Meister der Erfurter Anbetung der Könige erhielt seinen Notnamen nach dem um 1520 entstandenen ►Holzrelief am Lettner der Erfurter Predigerkirche. Auch das ►Retabel in der Erfurter Wigbertikirche gilt als Arbeit dieses Bildschnitzers. Seltenheitswert besitzt als spätmittelalterliches Künstlerepitaph das ►Sandsteinrelief einer Ölbergszene in der Predigerkirche, das der Bildhauer Johann Wydemann zu seinem Andenken schuf.
Etliche Werke spätgotischer Plastik aus thüringischen Kirchen befinden sich heute im Bestand des Angermuseums in Erfurt und der Staatlichen Kunstsammlungen Weimar. In Westthüringen bewahrt das Thüringer Museum in Eisenach eine umfangreiche Sammlung regionaler Schnitzplastik der Spätgotik. Vermutlich hier tätig war der sogenannte Meister des Deubacher Altars (im Schlossmuseum Gotha), Auftragnehmer auch des ►Schnitzaltars in der Stadtpfarrkirche St. Nikolai in Eisenach mit einem zentralen Beweinungsrelief.
Die Kirchen in Südthüringen bezogen um 1500 ihre Altarretabel zum Teil offenbar aus den leistungsfähigen Künstlerwerkstätten im südlich angrenzenden Franken. Belegt ist dies für den ehemaligen Kreuzaltar der Wallfahrtskirche in Grimmenthal, dessen Gemälde laut Rechnung von 1512 aus der Malerwerkstatt von Paul Lautensack in Bamberg stammen. Die Schnitzplastik wurde dem Bamberger Bildschnitzer Hans Nußbaum zugeschrieben: ►14 der qualitätvollen Reliefs sind heute Teil des um 1646 geschaffenen Hochaltars im westthüringischen Gräfentonna. Von den ►drei Flügelaltären der Stadtpfarrkirche St. Bartholomäus in Themar gelten der Marienaltar mit der annährend lebensgroßen Figur Marias zwischen dem Erzengel Michael und dem Hl. Bartholomäus sowie der Apostelaltar als Werkstattarbeiten des in Bamberg verorteten Meisters des Hersbrucker Altars. Die durch Stiftungen des Würzburger Fürstbischofs Lorenz von Bibra um 1505 reich ausgestattete Kirche des südthüringischen Bibra besitzt mit ►drei Schnitzaltären und dem ►Grabmal des Ritters Hans von Bibra mehrere Arbeiten der Werkstatt Tilman Riemenschneiders (†1531) in Würzburg. Für die Grablege der Grafen von Henneberg in der Stadtkirche von Römhild schuf Peter Vischer d. Ä. (†1529) aus Nürnberg 1488 ein ungewöhnliches ►Bronzeepitaph mit der vollplastischen Ritterfigur des Grafen Otto IV. von Henneberg. Aus derselben Werkstatt dürfte auch die repräsentative, über lagernden Löwen aufgesockelte ►Bronzetumba des Grafenpaars Hermann VIII. und Elisabeth von Henneberg (†1510) stammen. Bronzegrabmäler der berühmten Nürnberger Kunstgießer wurden bis weit ins 16. Jahrhundert vielerorts in Mitteldeutschland bestellt. Ein besonders herausragendes Beispiel hierfür ist die bronzene ►Grabtumba für den Magdeburger Erzbischof Ernst von Sachsen im Dom von Magdeburg (1495).
Niedersachsen
Im südöstlichen Niedersachsen waren Braunschweig und Hildesheim wichtige Zentren spätgotischer Bildhauerei mit einem beträchtlichen Einzugsgebiet. In Braunschweig erwarb 1482 der zuvor bereits in Hildesheim tätige Bildschnitzer Cord Borgentrik d. J. († 1501/02 [?]) das Bürgerrecht. Er ist der Meister des ►Altars aus Hemmerde im Städtischen Museum Braunschweig (signiert und datiert 1483). F. Stuttmann und G. v. d. Osten bestimmten in ihrer Untersuchung über die „Niedersächsische Bildschnitzerei des Mittelalters“ (1940) stilkritisch eine Reihe anonymer, mutmaßlich von Braunschweig aus tätiger Meister, unter ihnen der Meister von Isenhagen, nach dem um 1510/15 zu datierenden ►Marienaltar in der ehemaligen Klosterkirche in Hankensbüttel-Isenhagen, dem auch die vier Schreinreliefs des 1519 datierten ►Marienaltars in der Stiftskirche in Wienhausen zugeschrieben wurden. Der seit 1524 in Braunschweig nachweisbare Levin Storch gilt als Meister der qualitätvollen, holzsichtig belassenen ►Schnitzaltäre in der Kirche St. Magdalenen in Hildesheim (ehemals in der dortigen Michaeliskirche, „Passionsaltar“) und aus der Katharinenkirche in Braunschweig, jetzt dort im Städtischen Museum, wie auch der stark beschädigten ►Rethener Kreuzigungsgruppe im Museum Schloss Gifhorn. Nach der Reformation arbeitete er als Steinbildhauer für Herzog Ernst I. von Braunschweig-Lüneburg. Ein weiteres großes Betätigungsfeld der Holzbildhauer war das ornamentale und figürliche Schnitzwerk der Fassaden großer Fachwerkhäuser. Die ►Schnitzereien des prächtigen Huneborstelscheses Hauses von 1524 am Burgplatz in Braunschweig sind hier mit dem Namen Simon Stappen verbunden, dem etliche weitere Fassadenschnitzereien in Braunschweig, Celle, Goslar und Osterwieck zugeschrieben wurden.
Von den um 1500 in Hildesheim tätigen Bildschnitzern ist Hinrick Stavoer durch die städtischen Steuerregister 1504–1530 nachweisbar. Er signierte das 1525 datierte, große ►Schnitzretabel im ostwestfälischen Enger. Weitere anoyme Hildesheimer Bildschnitzer sind der Johannesmeister, nach dem ►Johannesaltar, heute in der Hildesheimer Michaeliskirche, der von diesem abhängige Urban-Meister, Meister des ►Marienaltars in der Kirche St. Joseph in Henneckenrode (um 1525/30) sowie der Epiphaniusmeister, dem ausgehend von einer ►Figur des Heiligen Epiphanius in der Bischöflichen Kurie in Hildesheim Schnitzretabel in ►Bad Gandersheim (um 1490), ►Einbeck (um 1500), ►Reinhausen (1507) und ►Lindhorst (1515/20) zugewiesen wurden.
Bildhauer aus Braunschweig und Hildesheim waren in den Jahrzehnten um 1500 nachweislich auch in der Harzregion und in der Altmark tätig. In beiden Regionen spielte daneben Importkunst aus noch weiter entfernten Zentren eine Rolle. So gilt das große ►Schnitzretabel der Kirche St. Sylvestri in Wernigerode als Arbeit einer Brüsseler Werkstatt aus der zweiten Hälfte 15. Jahrhunderts. Seit 1499 bis zur Reformation belieferte von Göttingen aus der Bildschnitzer Bartold Kastrop Kirchen im Westharz mit Schnitzaltären, so die ►Marienkirche in Goslar (1517) und die Kapelle in Förste, heute in der ►Marienkirche in Nienstedt am Harz. Im nördlichen Harzvorland kann unter den zahlreichen Werken der Plastik, welche in den Jahrzehnten um 1500 für die Kirchen in Halberstadt entstanden, auf die Gruppe farbig gefasster ►Pfeilerfiguren im Vierungsbereich des Doms verwiesen werden, unter diesen der besonders einprägsame, wohl um 1480 entstandene Hl. Hieronymus. Ein besonders qualitätsvolles Beispiel spätgotischer Bildschnitzerei ist das ►Schnitzretabel in der am Kreuzgang des Doms gelegenen Neuenstädter Kapelle, eine der Stiftungen des Domprobstes Balthasar von Neuenstadt (†1516). In die Altmark wurden Werke der Bildschnitzerei gleichermaßen aus Hildesheim, aus Leipzig wie auch aus den nördlichen Kunstzentren Lübeck, Hamburg oder Wismar importiert. Ein besonders schönes Beispiel ist hier das farbig gefasste ►Relief der Heiligen Sippe in der Johanniskirche in Werben, geschaffen 1513/14 von dem Hamburger Bildschnitzer Helmeke Borstel. Ein bemerkenswerter, um 1510 entstandener ►Schnitzaltar mit zentraler Kalvarienbergszene und dreißig weiteren Reliefs allein in Mittelschrein und Flügeln schmückt die Marienkirche in Salzwedel.
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